NICOLA VULAI UND SEIN X-WINEGLASS
Ein Glas für alles? Was manchem Puristen die Stirn runzeln lässt, ist für Nicola Vulai die Summe aus Jahrzehnten zwischen Rebzeile und Glashütte. Mit X-WineGlass hat der Unternehmer ein Weinglas entwickelt, das nicht durch Schnörkel, sondern durch Funktion überzeugen will – mundgeblasen, im eigenen Werk in Tschechien.
EINE FIRMA, DREI ADRESSEN
Wer sich mit X-WineGlass beschäftigt, stolpert zunächst über die Geografie. Italienische Betriebsstätte, Firmensitz in Österreich, Produktion in Tschechien – drei Betriebe? Keineswegs. „Es ist natürlich eine Firma mit drei verschiedenen Adressen“, stellt Nicola Vulai klar. Geblasen wird in der Tschechischen Republik, Vertrieb, Marketing, Design und Personalisierungen laufen über Österreich. Und in Terranuova Bracciolini in der Toskana steht das Hauptdepot, von dem aus der gesamte italienische Markt beliefert wird.
Der Grund ist so simpel wie einleuchtend. Bestellt ein Zwei-Sterne-Restaurant am Morgen 48 Gläser, wäre der Weg aus Österreich schlicht zu lang – und zu riskant. Bruch und Lieferkosten lassen grüßen.

MARKE IST NICHT GLEICH HERSTELLER
Was viele Wine Lover nicht wissen: Mundgeblasene Weingläser entstehen kaum dort, wo die großen Namen ihren Sitz haben. Die eigentlichen Glashütten liegen vor allem in Tschechien, der Slowakei, in Polen und Ungarn. Viele bekannte Marken sind Markeninhaber, keine Hersteller – und lassen mal hier, mal dort fertigen. Mit dem Ergebnis, dass dieselbe Form von Charge zu Charge unterschiedlich ausfallen kann.
Bei X-WineGlass liegt die Sache anders. Das Werk in Tschechien, früher unter dem Namen Sklárna Barbara bekannt und 2019 umbenannt, gehört zum Unternehmen. Alle Gläser stammen aus ein und derselben Hütte. Bislang wird dort auch für Mitbewerber produziert, ab 2027 aber dreht Vulai den Hahn zu – dann läuft nur noch die eigene Linie vom Band, pardon: von der Pfeife.
Warum ist das so entscheidend? Weil jede Glashütte ihr eigenes Gemenge aus Quarzsand, Bor und weiteren Mineralien hat. Die Form lässt sich kopieren, die Materia Prima nicht. „Gerade wenn es um Premium-Weingläser geht, ist das Material wichtiger als die Form – und wie ich mit dem Material umgehe.“
AM ANFANG WAR EINE FRAGE
Mit Weingläsern beschäftigt sich Vulai seit 2009. Zuvor hatte er andere Marken kreiert und weiterverkauft, von Asien bis Österreich und Italien. Doch den eigentlichen Anstoß für das X-Projekt gab eine ganz private Frage. Seine Frau blickte auf den übervollen Gläserschrank – Schaumwein, Weißwein, Rotwein, Süßwein, dazu Bier und das obligate Schnäpschen – und wollte wissen: Gibt es nicht ein Glas, in das man alles einschenken kann?
Der Gedanke ließ ihn nicht los. 2019, ein Jahr vor Corona, saß er in der Toskana in einer Runde mit Weinfachleuten, darunter Luca Gardini, und wieder stand die Frage im Raum. Und mit ihr die alte Lehrmeinung, jede Rebsorte brauche ihr eigenes Glas. Vulai widerspricht. Ein schlanker Riesling aus der Wachau, ein opulenter, im Holz ausgebauter Riesling aus Deutschland, ein Riesling aus Südtirol – drei völlig verschiedene Weine. „Man muss eher von Stilistiken denken“, sagt er. Selbst das Etikett „burgundisch“ sei längst überstrapaziert: Auch im Burgund gebe es kraftvolle, dunkle Pinots, die mit der feinen Klinge eines Domaine Roumler aus Chambolle-Musigny wenig gemein haben.
Dass er beide Welten kennt, ist dabei sein Trumpf. Vulai hat die Landwirtschaftsschule besucht, führt in den Marken das von seiner Mutter geerbte Weingut Azienda Agricola Vallone und keltert selbst. Die Gläser kamen erst Jahre später. „Die meisten, die Gläser herstellen, haben keine Ahnung vom Wein, und die, die Ahnung vom Wein haben, haben keine Glaserfahrung.“



FÜR JEDEN WEIN DAS RICHTIGE GLAS
Bevor es zu Vulais Antworten geht, lohnt ein Blick auf das Einmaleins der Glaskultur – jene Regeln, die in jeder Sommelier-Ausbildung auf dem Lehrplan stehen.
Grundsätzlich gilt: Ein Weinglas muss farblos, dünnwandig und durchsichtig sein, ohne Muster oder Gravuren, ob aus Glas oder Kristallglas. Nur so lässt sich der Wein unverfälscht beurteilen. Die bunten, geschliffenen Kristallkelche aus Großmutters Vitrine mögen wertvolle Antiquitäten sein – für eine professionelle Verkostung taugen sie nicht. Ein langer, dünner Stiel sorgt für Eleganz und hat zudem einen ganz praktischen Zweck: Die Hand bleibt vom Kelch fern und wärmt den Wein nicht unnötig auf. Kelchform und Öffnung wiederum entscheiden, wie viel Luft der Wein bekommt und wie seine Aromen zur Nase finden.
Daraus ergibt sich eine klassische Faustregel: Je mehr Körper, desto mehr Bauch. Junge, frische Weiß- und Roséweine sowie leichte Rote bekommen einen schmalen Kelch oder eine leichte Tulpenform, damit ihre zarten, blumig-fruchtigen Aromen nicht zu schnell verfliegen. Reife, volle und weiche Weißweine dürfen in einen etwas bauchigeren Kelch. Mittelgewichtige Rotweine und im Holz ausgebaute Weißweine, etwa aus dem Barrique, verlangen nach noch mehr Volumen und Belüftung. Volle, reife und komplexe Rotweine schließlich brauchen große, sehr bauchige Gläser – viel Luft, damit sich Bukett und Persönlichkeit ganz entfalten können.
So weit das Lehrbuch. Doch genau hier setzt Nicola Vulai an.
AUF DEN MILLIMETER KOMMT ES AN
Was also macht ein gutes Glas aus? Nicht die Silhouette, sagt Vulai, sondern die Funktion. Wo trifft der Wein im Mund auf? Welcher Einfallswinkel ergibt sich beim Trinken? Und vor allem: Wie hoch ist der Kelch?
Ein geschultes Auge erkennt eine schöne Form sofort. Dass ein Glas ein oder zwei Zentimeter kürzer ist, fällt dagegen kaum jemandem auf. Gerade das aber ist entscheidend. Im Kelch bündeln sich flüchtige Säuren, Gesamtsäure und Gerbstoffe, beim Schwenken steigen Alkohol und Aromen auf – und sie müssen nach außen dringen können. Ist der Kelch zu hoch, bleiben sie gefangen. Die oft über zehn, mitunter bis zu 18 Zentimeter hohen Kelche älterer Glasgenerationen passen deshalb kaum zur heutigen Weinstilistik mit Spontangärung und Verzicht auf Reinzuchthefen. Naturweine mit Schalenkontakt und jugendlichem Gerbstoff verlangen eher nach einer Art Mostglas: kürzer, die Nase direkt über dem Wein. Dazu kommt ein hauchdünner Rand, an dem die Aromen aufbrechen.
Wie viel ein paar Millimeter bewirken, hat Vulai selbst ausprobiert. Ein gängiges Universalglas, lange sein Referenzglas, ließ er in der Herstellung um vier Millimeter kürzen. Der Wein im Glas war derselbe. Die Wahrnehmung nicht. „Da findet etwas statt. Auch wenn es minimal ist, die Auswirkungen sind da.“
ECKEN UND KANTEN
Neben der Höhe spricht auch die Kontur mit. Rundungen machen einen Wein runder, Kanten und Spitzen betonen die Säure – ein Prinzip, das sich schon in den klassischen Flaschenformen von Burgund, Bordeaux und Rhein spiegelt. Vulai geht so weit, Winzer:innen mundgeblasene Flaschen aus demselben Sandgemisch wie seine Gläser anzubieten. Der Wein, ist er überzeugt, würde sich in zehn, 15 Jahren anders entwickeln. Eine Kostenfrage, gewiss. Aber eine spannende.
Bei aller Leidenschaft bleibt er Realist. Das Glas sei nur das Werkzeug, „der Spiegel des Handwerks des Winzers“. Ein ehrliches Glas zeigt eben auch Fehler. Ein überreifer, aus angefaultem Lesegut gekelterter Wein wirkt in einem runden Glas kompottig und kaschiert, im X-Original dagegen fällt er durch. Vulai rät deshalb jedem Betrieb, die eigenen Weine durch verschiedene Gläser zu testen – auch wenn am Ende nicht seines gewinnt. Südtirols Weinen stellt er dabei ein gutes Zeugnis aus: Hier werde sehr sauber und modern gearbeitet.
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TERROIR ZUM ANFASSEN
Das jüngste Projekt führt nach Italien. Grundlage ist wieder das X-Original. Gleich nach dem Blasen, solange das Glas noch heiß und formbar ist, wird ein Stück Gestein in den Boden gedrückt – Basalt vom Ätna, Dolomiten-Kalk oder Schiefer. Gedacht ist das Lavaglas nicht für den Alltag, sondern für Presse und Tastings. Die Frage dahinter: Wie verändert sich ein Riesling, wenn er auf Kalk trifft? Vulais Antwort fällt knapp aus. „Tatsächlich schmeckt er immer anders.“
EXKLUSIV, ABER NICHT UNERREICHBAR
Im Marketing hält sich X-WineGlass bewusst zurück. Gläser links und rechts zu verschenken, wie es manche Start-ups tun, kommt für Vulai nicht infrage – darunter leide die Exklusivität. Für Gastronomie und Hotellerie gibt es dennoch einen Weg: Die Gläser können für Events geliehen werden.
Wer sie selbst in die Hand nehmen will, hat bald Gelegenheit. Beim Merano WineFestival Anfang November ist Vulai, wie seit Jahren, vor Ort.
Und wer nach der Lektüre einen Blick in den eigenen Gläserschrank wirft, ahnt vielleicht:
Weniger ist manchmal mehr. Frau Vulai jedenfalls dürfte zufrieden sein.
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FOTO: www.xwineglass.com




